Vollbetankt mit Teamgeist

Seit 25 Jahren ist Jürgen Freiburg aktiver Rennfahrer. Während viele andere Fahrer auf der Strecke mit einem  vorgefertigten Cup-Fahrzeug unterwegs sind, baut Jürgen mit seinem FAST Racing Team sein Auto von Grund auf selbst. Dabei kommen die verschiedensten Kenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz,
sodass am Ende nicht nur ein Auto, sondern ein gesamtes Team geformt und zusammengeschweißt wurde.


Du bist Inhaber des FAST Racing Teams. Wie habt Ihr Euch damals gefunden?

„Die Keimzelle des Teams war in einem kleinen VW Autohaus in Hagen, in dem ich meine Teile gekauft habe. Ich fahre seit 25 Jahren Rennen und habe damals an Slalom-Rennen teilgenommen. Die Mitarbeiter vor Ort haben natürlich mitbekommen, was ich so mache und boten mir ihre Hilfe an oder wir fingen während des Vermessens auf einmal an, uns gemeinsam eine Lösung zu überlegen. Irgendwann bekamen wir von einem Hagener Rennteam dann eine Einladung auf den Nürburgring. Zwei Stunden sind wird dann auf dem Nürburgring gefahren und seitdem nicht mehr davon losgekommen.“

Was begeistert Euch am Motorsport?

„Wenn die langfristigen Überlegungen, Planungen und Arbeiten darin gipfeln, dass alles funktioniert, ist das ein sehr schönes Erlebnis. Als Fahrer liebe ich natürlich auch den Zweikampf mit den anderen auf der Strecke. Ich freue mich deshalb immer, wenn es regnet. Die Bedingungen werden dann schlecht und der Fahrer ist gefragt. Mein Highlight der Saison ist daher immer, wenn es einen Regenguss gibt und wir nicht auf Regenreifen wechseln, sondern mit Slicks weiterfahren. Das ist nicht ganz leicht und ein wenig rutschig. Den Regen mag nicht jeder und deshalb kann ich mich dabei auch mit professionelleren Fahrern messen.“

Seit 20 Jahren nehmt Ihr als Team an den VLN H2-Rennen auf dem Nürburgring teil. Mit welchem Rennfahrzeug seid Ihr zu Beginn dort an den Start gegangen und wie viele Rennen fahrt Ihr pro Saison?

„Angefangen haben wir mit einem Golf 1, den wir dann die nächsten 10 Jahre lang dort gefahren sind. Danach kam ein Scirocco 2 und seit 12 Jahren ist der Corrado unser Teamfahrzeug. Von den neun angesetzten Rennen für Fahrzeuge bis 2 Liter Hubraum fahren wir pro Saison fünf. Die Rennen im Frühjahr und Winter lassen wir aus. Im Fahrzeug ist es zwar warm, aber das Drumherum ist im Kalten. Am Nürburgring bei Nebel und 4°C, das ist für mich dann kein Hobby mehr.“

Hersteller wie BMW oder Clio stellen spezielle Rennautos, die sogenannten Cup-Fahrzeuge, her. Wie viele Autos würdest Du schätzen sind in Eurer Klasse bereits fertig gekauft und wie viele sind selbst gebaut?

„Unsere Klasse wurde extra angelegt für private Teams, die ihre Autos selbst bauen. Es dürfen jedoch auch andere Fahrzeuge dort gefahren werden, vorausgesetzt sie sind mindestens 10 Jahre alt. Von den 12-15 Teilnehmern sind daher vielleicht 5 - 6 selbst gebaut. Auf das gesamte VLN-Feld von 160 Autos bezogen, sind es 15-20. Bei diesen Autos sieht man, was gemacht wurde und sie unterscheiden sich durch mehr als eine andere Farbe. Die Fans, die Zuschauer und auch die Offiziellen können sich mit diesen Autos deshalb identifizieren.“

Am Nürburgring ist das FAST Racing Team eine bekannte Größe. Auch auf Messen oder in den sozialen Medien kommen Motorsportfans aus ganz Deutschland auf Euch zu und suchen den Kontakt und den Austausch. Spürst Du die Begeisterung der Menschen auch während Du auf der Strecke bist?

„In der Einführungsrunde, wird gezielt auf uns gezeigt und uns gewinkt. Auch bei den Streckenposten habe ich schon gedacht: Die fallen mir über die Leitplanke. Das ist schon schön zu sehen. In der letzten Einführungsrunde war das toll zu erleben und etwas ganz Besonderes. Die Leute haben sich gefreut, dass wir wieder zurückgekommen sind, weil die meisten Teams nach einem solch großen Schaden, aus finanziellen oder auch zeitlichen Gründen, aufgeben. Der Aufwand für diese Rennserie ein Auto zu bauen ist heutzutage so immens, dass man eigentlich eher ein gebrauchtes Cup-Auto kauft.“

Im Herbst 2017 kam es mit Eurem VW Corrado zu einem Crash bei einem Rennen auf dem Nürburgring, das komplette Auto wurde dabei zerstört. Habt Ihr jemals daran gedacht aufzugeben?

„Ich muss zugeben, am Sonntag nach dem Unfall habe ich mir wirklich die Frage gestellt: Sollen wir uns das weiter antun? Mir war sehr bewusst, was auf uns zukommen würde. Ich wusste, dass meine Entscheidung, dafür oder dagegen, weitreichende Folgen hätte, weil viele andere auch hätten mitziehen müssen. Deshalb habe ich das erst einmal mit dem Kernteam besprochen: Wollen wir das überhaupt tun und warum wollen wir das tun? Ich habe hinterfragt, was für ein Antrieb dahintersteckt, dieses Hobby so zu betreiben, wie wir das machen. Das Team wollte weitermachen, weil ihnen die Gemeinschaft gefällt, die Rennen eine Abwechslung zum Alltag sind und weil sie gerne sehen, wie die Arbeit in einen Erfolg mündet. Dieser Erfolg ist darin begründet, dass wir vorher überlegt haben, das Teil oder die Elektrik genauso zu bauen oder mal etwas komplett anderes probiert haben. Wenn das Auto dann das erste Mal anspringt und alles tatsächlich funktioniert, ist das schon ein sehr besonderer Moment.“

Was hättest Du gemacht, wenn Dein Team gesagt hätte `Wir wollen nicht mehr´?

„Dann hätte ich gesagt: Super, dann kaufe ich mir ein anderes Auto. Doch dies kann ich nur mit einer Person teilen. Ob ich damit spazieren fahre oder etwas sportlicher auf der Autobahn unterwegs bin, ich wäre alleine zu zweit. Wenn wir Stunden am Nürburgring verbringen, baut sich ein gewisser Spannungsbogen auf. Das fängt schon freitags damit an, dass wir uns vorbereiten und uns fragen, wie wir am Samstagmorgen ins Training starten und gipfelt am Ende bestenfalls in der Siegerehrung. Dieses Erlebnis und die Emotionen teile ich mit ganz vielen Menschen. Mit einem gekauften Auto, das ich sportlich fahre, kann ich das niemals haben. Es ist eine sehr schöne, gemeinsame Team-Arbeit, die darin steckt. Wenn mein Team sich aber dagegen entschieden hätte, dann hätte dafür auch Verständnis für gehabt.“

Bei dem Crash wurde Euer Fahrzeug vollständig zerstört, sodass Ihr ein komplett neues Auto bauen musstet. Hierfür konntet Ihr den Corrado eines Mitglieds der Corrado Freunde Hagen übernehmen. Welche Umbaumaßnahmen waren erforderlich, um diesen in ein Rennfahrzeug zu verwandeln?

„Das Auto wurde komplett blank geschliffen und dann an den relevanten Stellen nachgeschweißt. Es war nichts mehr in dem Auto: kein Teppich, kein Himmel, keine Elektrik, keine Kabel, keine Plastikteile – nichts. Anschließend wurde von einer Spezialfirma in Norddeutschland eine Sicherheitszelle eingeschweißt und wir bauten das ganze Auto zusammen. Der Motor und die Achsen kamen rein und wir mussten uns fragen: Welche Löcher müssen an welchen Stellen gebohrt werden? Welche Halter brauchen wir und welche können weg? Als Nächstes wurde das Auto sandgestrahlt, grundiert und im VW Zentrum in Dortmund lackiert. Danach haben wir aus dem Nichts heraus eine komplett neue Elektrik sowohl für die Motorsteuerung als auch für die Peripherie, wie beispielsweise für den Scheibenwischer, das Licht und den Blinker, gebaut. In 170 Tagen haben wir den Corrado gemäß den Vorschriften des Deutschen Motor Sport Bunds (DMSB) komplett neu gebaut.“

Im FAST Racing Team kommt eine Vielfalt an unterschiedlichen Kenntnissen aus der Elektronik, der Mechanik und dem Karosseriebau zum Einsatz. Wie habt Ihr Euch dieses Wissen angeeignet?

„Wir haben über Jahre getüftelt und Leute, die eine besondere Fähigkeit haben ins Team integriert. Jeder kann bei uns etwas Spezielles und alle alles ein bisschen. Bei uns fußt alles auf viel Erfahrung, auf Tüfteln, Ausprobieren und Bauen.

Warum könnt Ihr kaum auf fertige bzw. Tuningteile zurückgreifen?

„Es gibt für Rennwagen nur noch ganz wenige Hersteller von universellen Teilen, die wir verwenden können. Die Nachfrage hiernach ist durch die Cup-Fahrzeuge einfach sehr stark gesunken. Für diese werden die verschiedenen Teile in den Herstellerwerken oder von den Zulieferern konstruiert und gebaut. Bei den Teilen für die Tuning-Freunde geht es darum, dass sie gut aussehen und für den Straßenverkehr zugelassen sein müssen. Da hier auch beispielsweise der Fußgängerschutz beachtet muss, scheiden sie für unser Rennfahrzeug aus.“

Ihr habt die Instrumentenhalter für das Cockpit sowie die Heckflügel im CAD neu konstruiert und anschließend auf der Q.204 gefräst. Kannst Du kurz erklären, welche Aufgabe der Heckflügel beim Fahrzeug übernimmt?

„Der Heckflügel drückt das Auto nach unten, je schneller ich fahre. Dadurch bekomme ich Druck auf den hinteren Teil des Fahrzeugs, was dazu führt, dass es besser auf der Straße haftet – und das auch bei Regen. An der Vorderfront befindet sich ebenfalls ein Flügelelement. Bestenfalls funktionieren beide Teile gleichmäßig. Damit liegt das Auto einfach besser auf der Straße und ich kann schneller um die Kurve fahren.“

Bei der Fertigung des Heckflügels habt Ihr Euch für Carbon entschieden. Warum ist Eure Wahl gerade auf dieses Material gefallen?

„Carbon ist sehr hart, fest und formbeständig. Die Flügelelemente leben davon, dass sie an derselben Position bleiben und sich weder setzen noch verdrehen, da dies die Luftströmung verändern würde. Hinzu kommt, dass Carbon sehr leicht ist. Bei dem letzten Auto hatten wir diese Bauteile aus Stahl, weil wir einfach nicht wussten, wie wir es anfertigen sollten. Gerade das ist das Charmante bei Eurer Technik: Für universelle Anforderungen kann man einfach etwas bauen. In den letzten Jahren wussten wir uns nicht anders zu helfen, als manche Teile aus einem Blechmaterial zu schnitzen, schleifen, flexen, fräsen oder bohren. Das sieht natürlich unprofessionell aus, wenn man dies mit den Cup-Autos vergleicht.“

Worin seht Ihr im FAST Racing Team die Vorteile der CNC-Technik und hilft Euch diese dabei, noch professioneller zu arbeiten?

„Absolut! Die Technik bietet uns ganz neue Möglichkeiten etwas zu realisieren oder auch etwas zu verändern. Wir haben in den Heckflügel beispielsweise Langlöcher gefräst, die es uns ermöglichen, die Position am Auto später noch ein bisschen besser anpassen zu können. Früher mussten wir hierfür eine Rundfeile benutzen. Heute heißt es einfach: Programm ändern und abspeichern. Deshalb greifen wir schon jetzt viel mehr auf die CNC-Technik zurück. In der Vergangenheit haben wir das Armaturenbrett aus einem Aluminiumblech gefertigt und darüber Kohlefaser laminiert, damit es ordentlich aussieht. Mit der CNC-Maschine sieht das Ergebnis heute einfach immer professionell aus, so wie es sein soll. Das spart uns viel Arbeit und ordentlich Material.“

Du fährst seit über zwei Jahrzehnten Rennen. Hast Du noch Ziele im Motorsport?

„Mein Ziel ist es heute, das Team und den Teamgedanken so zu formen, dass wir uns auch abseits der Strecke privat treffen und dass wir am Wochenende, wenn wir uns zu einem Rennen auf dem Nürburgring treffen, das Gefühl haben: Ich komme zu einem Freund. Ich möchte, dass wir keine Zweckgemeinschaft sind, sondern eine Familie, die sich aufeinander freut. Wenn wir alle gerne zusammenkommen, haben wir auch noch lange Spaß daran im Team zusammenzuarbeiten."

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